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Foto: Brigitte Maczek

VOM KÖRPER ZUM LIED

... und warum Singen genial ist

Das Spiel mit der Stimme gehört zum Wert- und Lustvollsten, das ich in meinem Leben gefunden habe. Gleichzeitig fordert mich die Befreiung der Stimme wunderbar heraus. Die Stimme bündelt mein komplettes Spektrum (Körper, Psyche, Intellekt und Situation) und ihr Instrument, den Körper, habe ich immer dabei.

Die Stimme belebt von innen. Singen vertieft die Atmung, erhöht also den Sauerstoffanteil im Blut und im Gehirn. Die Stimme ist ein „Instrument“, das jeder Mensch schon von klein an trainiert hat. Sie wäre unser Druckventil. Schließlich ist der Mund die größte Körperöffnung des Menschen. Die Stimme entgiftet psychisch, der Atem sogar physisch. Tiere lassen ihre Stimme einfach zu. Das wäre gesund. Goethe sagte einmal (in ähnlichen Worten): Welch Heiland, der den Menschen wieder das Singen beibringt.

 

Bei den meisten Menschen gibt es Singblockaden und das Potential und die Schönheit der Stimme dringt nur schwer durch. Im guten Stimmtraining wiehert man wie ein Pferd, schnalzt, grunzt, grölt unfeminin oder nimmt sich den Vogel, mit seiner entspannten Kehle als Vorbild, und kleine Babies. Leider wagt sich der besonders kultivierte Mensch kaum über diese Schwelle. Dabei ist es nicht nur das lustvolle Spiel, das gleichzeitig sein Repertoire vergrößern würde, das er versäumt.

Jemandes Stimme zu hören kann mich mehr berühren als jemanden optisch zu sehen. Die Stimme bewegt mich tiefer im Inneren. Sie kann mich betören. Ich kann mir eine Stimme auch äußerst gut merken. Selbst, wenn jemand schon lange verstorben ist, kann ich mir den Klang, die Melodie und den Rhythmus seiner Stimme vorstellen. Die Stimme ist wie ein Fingerabdruck. Es gibt sie nur einmal. Und trotzdem ist sie variabel, je nach Stimmung und Gegenüber.

Manchmal telefoniere ich mit jemandem, den ich nicht kenne, und habe bald einen sehr positiven Eindruck oder eine schöne optische Vorstellung aufgrund der Stimme: Positive Vorurteile. Sehe ich jemanden bevor ich ihn höre, ist es eher umgekehrt. Sobald ich den Menschen dann stimmlich wahrnehme, wächst mein Vertrauen, wenn mir die Stimme behagt.

Sänger/innen/persönlichkeiten, die es wagen, vor Publikum alles Stimmliche herauszulassen, quasi ihre Seele nach außen stülpen, sind für mich persönlich äußerst faszinierende Menschen und Vorbilder.

Faszinierend ist auch mehrstimmiges Singen, wo sich eine Stimme an einer anderen anlehnt und es nur dann zu dieser schönen Schwingung dazwischen kommt, wenn der/die Einzelne stabil in den eigenen Tönen ist.

 

Stimmarbeit bedeutet nicht nur Arbeit mit dem ganzen Körper, sondern Beschäftigung mit dem ganzen Menschen. Sie beginnt bei der Statik (Fußauftritt und Haltung), erweitert den Innenraum des „Klangkörpers“ bis in alle Nebenhöhlen mit dem Ziel den Menschen von Verspannungen zu befreien, und das Volumen und die Klarheit eines Tones haben unter anderem mit Selbstbewusstsein, also der Psyche des Menschen zu tun. Erarbeitet man einen ganzen Song, kommt musikalisches und sprachliches Gestalten dazu, und die Qualität des Vortrags lebt von Präsenz und Konzentration, die es zu schärfen gilt.

Stimme und Stimmung hängen zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Beides ist eng mit der Atmung verbunden. Selber singen kann unter anderem dadurch Gefühle erwecken. Das beim Singen notwendige gleichmäßige Atmen und die Belebung des körperlichen Innenraums (Resonanzkörper) bringen Anspannungen in den Fluss. Wenn wir Angst haben, halten wir meist die Luft an. Singen ist nur möglich, wenn der Atem fließt. D.h.: Singen vertreibt Ängste.

Singen ist nicht nur ein musikalisches Hobby, die Stimme als solche ist im täglichen Leben sehr wesentlich. Ihre Färbung, ihr Rhythmus und ihre Melodie ist maßgebend in jeglicher Begegnung. Ob es sich um ein Vorstellungsgespräch, eine Konfliktdiskussion oder eine Flirt handelt, genauso wie der Geruch eines Menschen ist der Klang und die Kraft der Stimme entscheidender für Sympathie bzw. Erfolg, als uns bewusst ist. Man braucht sich nur einen schönen Mann mit krächzender, unsicherer Stimme vorstellen. Auch wenn einiges körperlich bestimmt ist, äußern sich Persönlichkeit und Gefühlswelt eines Menschen durch die Stimme. Qualitative Stimmarbeit ist nichts anderes als das Freilegen dieses Ventils. Druck kann abfließen und Persönlichkeit zum Vorschein kommen.

Singen ist gesund und lustvoll, und man kann damit politisch sein: genial.

                                                                                                                                            Essay, Frühling 2012