KÖRPERBEWUSSTSEIN UND DESSEN RELEVANZ

Das Wesentliche am Körperbewusstsein ist: Körper SEIN.

Ein Beispiel: Ich sitze am sonnigen Strand und denke an ein unerledigtes, berufliches Problem. Obwohl der Platz für meinen Körper sehr angenehm ist, lebe ich in diesem Moment nur unbewusst in ihm. Betrachte ich das Wasser und überlege mir, warum es Wellen gibt, komme ich zwar dem Augenblick näher, bin aber immer noch in meiner Gedankenwelt. Körperbewusstsein heißt, im Körper sein, den Leib von innen wahrnehmen und durch ihn die Umwelt empfinden: Ich spüre meinen Atem in meine Lunge und mein Blut in die Zehenspitzen fließen. Ich fühle mein Gewicht und die Kontaktflächen mit dem Sand. Wind fegt über die Haut. „Durchdrungen“ vom Tosen des Wassers und Vogelgekreische streife ich die Kleider vom Leib, stehe auf, schaue weit, rieche Fisch, Holz und Salz. Ich sinke ein, „brickle“ im Wasser... Ich nehme mit allen Sinnen quasi rundherum wahr und atme durch alle Poren.

Im Leben der meisten Menschen unserer Gesellschaft kommen körperliche Bedürfnisse zu kurz. Ganz zu schweigen von der Arbeitssituation wird in der Freizeit oft nur der Bildschirm gewechselt. Stark ausgeprägter Schönheitskult und Leistungssport bedeutet meist den Körper zu benützen und zu beherrschen. Auf ihn zu hören und ihm zur Verfügung stellen, was er braucht, ist nicht selbstverständlich oder schwierig umzusetzen. Der Körper möchte frische Luft, Licht und Farben, abwechslungsreiche Bewegung, Schlaf bei Müdigkeit, satte Nährstoffe bei Hunger, Körperkontakt, bequeme Kleidung, kontinuierliche Pflege und Aufmerksamkeit, auch wenn er nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Diese Grundbedürfnisse werden vernachlässigt. Lebt jemand körperbewusster, sind sie Prioritäten. Körperbewusstsein im täglichen Leben wäre Grundlage für Gesundheit und würde vielen Symptomen zuvorkommen. Prävention wäre die klügste Medizin.

 

Im Sinne der Entwicklung des Menschen wäre Körperbewusstsein intelligent. Die Spaltung und vor allem die hierarchische Ordnung in „niedrige, verworrene Sinnlichkeit" und „höhere, klarsichtige Geistigkeit" (entscheidender Vertreter dieses Weltbildes: Rene Descartes, 1596-1650) ist nicht nur überheblich, sondern hat den Menschen als Ganzes nicht wirklich weitergebracht. Menschsein ist Sinnlichkeit und Geistigkeit: kombiniert. In einem erfolgreichen System sollte beides ausgewogen zum Zug kommen. Unterdrückung eines Systemteils kann nur Gegendruck bewirken, und somit Energieverlust für die Weiterentwicklung. Konstruktiver wäre eine sich gegenseitig befruchtende Zusammenarbeit.

Nicht nur dem Menschen, sondern dem gesamten Planeten würde es besser gehen, wären wir alle körperbewusster. Die Ausbeutung der Natur spiegelt sich in der Missachtung unserer körperlichen Bedürfnisse und umgekehrt. Die Wurzel von Ausbeutung ist in uns selbst.

Wer körperbewusst ist, bereichert seine Kreation immens. Der Körper speichert das gesamte Gefühlsleben und alle Erfahrungen aus unserer persönlichen und der gesamten Vergangenheit, d.h. auch das Instinktwissen der Tiere. Diese körperliche Intelligenz fließt in die Kreation mit ein. Der Geist alleine kommt oft nicht über seine Beschränkungen hinaus. Joggen bzw. frische Luft tanken ist ein vorzügliches Mittel um eine kreative, intellektuelle oder psychische Blockade zu überwinden. Dabei werden Blut- und Lymphfluss beschleunigt, das Gehirn mit Sauerstoff angereichert, gleichzeitig belebt und entspannt. Ideen und neue Aspekte können auftauchen. Körperliche Aktivität erhöht das geistige Leistungsvermögen und die Kreativität bzw. Produktivität und mündet in Entspannung.

Denken ist sehr komplex und hat auch die Zukunft und die Vergangenheit im Radar. Diese von mir sehr geschätzte Qualität kann auch belasten. Der Körper bindet uns an den Moment und den Ort. Manchmal wird dadurch alles viel einfacher.

                                                                                                                                    Essay, Herbst 2004

 

Die wahren Abenteuer sind im Körper, und sind sie nicht im Körper, dann sind sie nirgendwo.

Körper spüren heißt, Isolation aufgeben.