DER MENSCH IST EINE PFLANZE UND MÖCHTE BLÜHEN 

DER_MENSCH_IST_EINE_PFLANZE_UND_MÖCHTE

Foto: Steven O´Hara

Was mich im Leben am meisten interessiert ist Persönlichkeitsentwicklung. Ich will wachsen. Die Natur wächst ununterbrochen. Sie stirbt und wächst sofort danach weiter. Wachsen kann weh tun. Wachsen heißt: Fremdes Integrieren. Oder es schiebt etwas von innen heraus. Die Haut muss sich dehnen oder reißt sogar auf.

Vielleicht hat der Mensch sein eigenes Wachsen ausgelagert, da es für ihn persönlich zu mühsam, zu schmerzhaft oder zu herausfordernd ist. Materiell zu wachsen ist oft einfacher und kann von unangenehmen Gefühlen ablenken. Man kann auch fehlende Qualität mit Quantität bzw. fehlende Kompetenz mit Geschwindigkeit kompensieren, vordergründig.

Materielles Wachstum macht jedoch den Raum, der für immer mehr Menschen zur Verfügung stehen sollte, eng. Es belastet mittlerweile den gesamten Planeten in einer nicht abzuschätzenden Größenordnung, bedroht unsere Lebensgrundlage und somit unsere eigene Existenz.  

Würde es um menschliche Größe gehen, wäre Wachstum unbegrenzt.

VOM BEHINDERTEN GESTALTUNGSDRANG DES "SEELISCHEN"

Der Gestaltungsdrang des „Seelischen“ verbraucht einen großen Teil seiner Energie für den Kampf um Existenzberechtigung. Eltern stülpen ihm Ballettunterricht über, Lehrer drängen ihn in Gehirnwindungen, der Mainstream macht ihm Angst vor der Eigenart. Ein halbes oder ein ganzes Leben reicht oft nicht aus, ihn von seiner Unterdrückung zu befreien. Wie viele großartige Tenöre oder feine Köche verstecken sich in den Fließbandarbeitern, wie viele leidenschaftliche Bäuerinnen in Büroangestellten? Der Gestaltungsdrang des „Seelischen“ quetscht sich durch die verbliebenen „Spalten“ und kommt oft deformiert heraus, vielleicht sogar als Suchtverhalten oder als gleichgültige Arbeitsenergie, in schlimmeren Fällen als autoritäre Aggression oder als Krankheit, je nachdem wie eng es ist und ob überhaupt ein Ventil nach außen da ist. Der Gestaltungsdrang ist jedoch nicht aufzuhalten. Ließen wir ihn los, dränge er stetig durch alle Sinne hindurch in alle Medien hinein.

Eine individuelle „Seele“ ist wie keine andere. Ist es die Angst vor unserem einzigartigen und damit vielleicht einsamen Wesen, die uns den Gestaltungsdrang des „Seelischen“ derart bevormunden lässt? Misstrauen wir unserer eigenen Art? Oder ist es die Art der anderen, das Fremde, das uns misstrauisch macht? Oder beides gleichzeitig: Angst vor dem Unbekannten in uns?

 

Der Gestaltungsdrang des „Seelischen“ wäre und ist die fundamentalste Energiequelle der Spezies Mensch. Hätten wir keine Angst vor der eigenen oder fremden „seelischen“ Gestalt, sondern Neugier und Lust auf sie, dann bekämen vom allgemeinen Trend abweichende Gestalten, Menschen oder Kulturen mindestens die gleiche Anerkennung wie die im Trend liegenden. Es würde uns bewusst, dass uns die originalen (nicht durch zu enge Ventile verformten) Gestaltungen jedes einzelnen bereicherten und zu unserem eigentlichen individuellen und gesellschaftlichen Vermögen gehörten. Eigenart ist Kapital.

 

                                                                                                                                                Essay, Frühling 2001